Heute ist eine Speicherkarte kleiner als ein Fingernagel und fasst Terabyte an Daten. Die erste Festplatte 1956 war dagegen so groß wie ein großer Kühlschrank, wog etwa eine Tonne und nahm Daten auf, die heute kaum für ein einziges hochauflösendes Foto reichen würden.
Sie hieß IBM 350 und änderte den Lauf der Computergeschichte. Denn zum ersten Mal konnte ein Computer gespeicherte Daten nicht der Reihe nach, sondern direkt erreichen. Wenn du heute eine Datei öffnest oder in einer App suchst und nicht warten musst, liegt die Wurzel in diesem riesigen Schrank.
50 Platten, 1.200 Umdrehungen pro Minute
Die Plattenspeichereinheit IBM 350 wurde im September 1956 als Teil des Computersystems IBM 305 RAMAC vorgestellt. Bei den Quellen gehen die Tage auseinander: Wikipedia nennt den 14. September, der Eintrag der ASME zum Ingenieurerbe den 4. September. RAMAC stand für „Random Access Method of Accounting and Control“, also „Methode mit wahlfreiem Zugriff für Buchhaltung und Steuerung“.
Das Herzstück des Geräts waren mit Eisenoxid beschichtete Platten mit 24 Zoll (61 cm) Durchmesser. Die meisten Quellen sprechen von 50 Platten. Wikipedia schreibt dagegen von 52 Platten, von denen 100 Oberflächen zur Aufzeichnung genutzt wurden; je nach Zählweise ändert sich die Zahl also. Die Platten drehten sich mit 1.200 Umdrehungen pro Minute, und ein Zugriffsarm fuhr zur richtigen Platte und zu den richtigen Spuren, um die Daten zu lesen.
„Wahlfreier Zugriff“ war für jene Jahre revolutionär. Bis dahin wurden Geschäftsdaten meist der Reihe nach von Magnetband oder Lochkarten gelesen. Mit dem IBM 350 war es möglich, direkt zum gewünschten Datensatz zu springen.
Laut heise begann die Entwicklung des Projekts 1952. Die Platten waren nur in Abständen von etwa 0,72 cm übereinander angeordnet. Dass ein Arm bei so engem Abstand zwischen riesigen Platten, die sich mit 1.200 Umdrehungen pro Minute drehen, die richtige Stelle ansteuerte und Daten las, war für die Technik der 1950er eine ernsthafte Leistung.
3,75 MB: Was heißt „5 Millionen Zeichen“?
Die Kapazität des IBM 350 wurde mit 5 Millionen Zeichen beworben. Jedes Zeichen wurde aber mit 6 Bit gespeichert. Nach heutiger Rechnung mit 8-Bit-Bytes sind das etwa 3,75 MB. heise ergänzt ein weiteres Detail: Die theoretische Kapazität wirkt zwar höher, aber Paritäts- und Lückenbits verringerten den nutzbaren Platz, weshalb die effektive Kapazität mit etwa 3,75 MB angegeben wird. Laut heise wurden die Daten in 50.000 Blöcken zu je 100 Zeichen gehalten.
Die Datenübertragungsrate betrug 8.800 Zeichen pro Sekunde. Mit dieser Geschwindigkeit hätte man diesen ganzen Text in weniger als einer Sekunde lesen können. Für die Geschäftswelt von 1956 war das eine große Erleichterung gegenüber dem Umgang mit Stapeln von Lochkarten. Der Schrank war etwa 152 cm lang, 172 cm hoch und 74 cm breit.
Gabelstapler, Frachtflugzeug und eine Tonne
Eine so große Maschine von der Stelle zu bewegen, war eine Aufgabe für sich. Wikipedia schreibt, das Gerät habe etwa eine Tonne gewogen, sei mit dem Gabelstapler bewegt und oft mit großen Frachtflugzeugen verschickt worden. heise gibt das Gewicht einschließlich des Kühlsystems mit „fast einer Tonne“ an und erinnert an das Foto eines RAMAC, der 1957 auf dem Flughafen Amsterdam Schiphol aus einer DC-7 entladen wurde.
Das ist die Wahrheit hinter den Fotos der „ersten Festplatte, die mit dem Gabelstapler bewegt wird“, die im Netz kursieren.
| IBM 350 (1956) | Heute |
|---|---|
| Etwa 3,75 MB | Festplatten mit Terabyte an Daten |
| Etwa 1 Tonne | SSDs, die in die Handfläche passen |
| 50 Platten mit 24 Zoll | Eine einzige kleine Platine |
| Nur zur Miete | Im Laden verkaufte Speicherkarten |
Eine kurze, aber tiefe Spur
Der erste technische Prototyp ging im Juni 1956 an die Zellerbach Paper Company in San Francisco. Die Auslieferung der Serienmodelle begann laut Wikipedia im November 1957. Laut heise endete die Produktion 1961, nachdem mehr als tausend Einheiten gebaut worden waren. RAMAC wurde 1969 vollständig vom Markt genommen.
Eine Maschine, die eine Tonne wog, nur zu mieten war und ein paar Megabyte fasste, klingt heute komisch. Schon ein einziges Foto, das man heute mit dem Handy macht, sprengt oft diese Kapazität. Aber die Idee des „direkten Zugriffs auf Daten ohne Reihenfolge“ steht heute am Fundament jeder Festplatte und jeder Datenbank.
Glaubst du, dass wir in 70 Jahren mit demselben Lächeln auf die Terabyte-Platten von heute blicken werden?