Eines der ersten Live-Bilder im Internet war weder ein Raumschiff noch ein Konzert. Es war eine Kaffeemaschine. Genauer: ein Graustufenbild in Symbolgröße auf dem Bildschirm, das zeigte, ob die Kaffeemaschine voll oder leer war.
Die Wurzel der heute allgegenwärtigen Webcam-Idee liegt bei einigen Forschern der Universität Cambridge, die es leid waren, Treppen zu steigen.
Das Problem: leere Kanne, vergebliche Treppen
1991 gab es im Computer Laboratory der Universität Cambridge eine Kaffeemaschine, die die Forscher gemeinsam nutzten. Die Maschine stand auf dem Flur in der Nähe des Raums „Trojan Room“. Wer in anderen Stockwerken des Gebäudes arbeitete, stieg die Treppen hinauf, um Kaffee zu holen, und fand die Kanne meist leer.
Nach der Geschichte, die Quentin Stafford-Fraser selbst erzählt, war die Lösung einfach: Sie befestigten eine Kamera an einem Laborstativ, richteten sie auf die Maschine und schlossen die Kabel an eine Videoaufnahmekarte im Trojan Room an. Paul Jardetzky schrieb das Serverprogramm, das das Bild aufnahm, und Stafford-Fraser das Client-Programm, das das Bild auf dem Bildschirm anzeigte.
Auch die Hardware war eine reine Improvisation. Laut Wikipedia war die Kamera an eine Videoaufnahmekarte in einem Acorn-Archimedes-Computer angeschlossen. Der Server nahm alle paar Sekunden ein Bild auf und konnte es in verschiedenen Auflösungen an jeden interessierten Computer senden. Niemand dachte, dass das eines Tages in die Geschichtsbücher eingehen würde. Das Ziel war nur, nicht umsonst Treppen zu steigen.
XCoffee: Kaffeeüberwachung im Büronetz
Das Client-Programm hieß XCoffee und lief auf dem X Window System. Laut Wikipedia hatte das Bild eine Auflösung von 128x128 Pixeln und war in Graustufen. Nach Stafford-Frasers Schilderung wurde das kleine Bild auf dem Bildschirm etwa dreimal pro Minute aktualisiert.
Schon das reichte. Die Forscher konnten, ohne von ihren Schreibtischen aufzustehen, sehen, ob Kaffee in der Kanne war. In den ersten Jahren lief das System nur im eigenen Netz des Labors, das heißt, von außen konnte niemand zusehen. In heutiger Sprache war das eine „Intranet-Kamera“. Die Idee aber war schon komplett: den aktuellen Zustand eines entfernten Ortes auf dem Bildschirm sehen, ohne hinzugehen. Es fehlte nur ein Weg, dieses Bild für alle zu öffnen.
1993: Der Kaffee öffnet sich der Welt
Im November 1993 belebten Daniel Gordon und Martyn Johnson das System neu und öffneten das Bild über HTTP, also für das World Wide Web. Nun konnte man von jedem Ort der Welt mit einem Browser eine Kaffeemaschine in Cambridge ansehen.
Deshalb wird die Trojan-Room-Kaffeemaschine meist als „erste Webcam“ bezeichnet. Hier gibt es eine feine Unterscheidung: Die Kamera lief seit 1991 im Netzwerk, ins Web kam sie aber 1993. Die Angabe „1991/1993“ im Video beschreibt genau diese beiden Daten.
Die Kamera wurde nach dem Umzug des Labors in das William Gates Building am 22. August 2001 um 09:54 Uhr UTC abgeschaltet.
| Kaffeekamera von 1991 | Die Webcam von heute |
|---|---|
| 128x128 Pixel, Graustufen | Hochauflösend, farbig |
| Etwa 3 Bilder pro Minute | Flüssiges Live-Video |
| Videoaufnahmekarte und separater Computer | In den Rahmen des Laptops eingebaut |
| Einziger Zweck: Ist die Kanne voll? | Meeting, Stream, Sicherheit |
Das spätere Leben der Maschine
Die Geschichte endet nicht mit der Kamera. Laut Wikipedia wurde die letzte online sichtbare Kaffeemaschine (eine Krups) auf eBay für 3.350 Pfund verkauft. Diese Angabe beruht auf Der Spiegel. Die Maschine wurde später von Krups-Mitarbeitern kostenlos repariert und in der Redaktion des Magazins wieder in Betrieb genommen. Seit dem Sommer 2016 ist sie als Dauerleihgabe im Heinz Nixdorf MuseumsForum im deutschen Paderborn.
Der Ruhm der Maschine wurde auch zum Gegenstand von Scherzen. Ein 1. April-RFC von 1998, das „Hyper Text Coffee Pot Control Protocol“, also ein Steuerprotokoll für Kaffeemaschinen, zwinkerte dieser Legende zu. Die Kaffeemaschine wurde 2002 auch im Videospiel Hitman 2: Silent Assassin und am 24. Februar 2005 in der Serie The Archers auf BBC Radio 4 erwähnt. Wikipedia schreibt, im Lauf der Jahre seien „vier oder fünf“ verschiedene Kaffeemaschinen vor der Kamera gewesen, merkt aber an, dass diese Zahl noch geklärt werden müsse.
Kleines Ärgernis, große Idee
Das Schönste an der Trojan-Room-Geschichte ist, dass sich niemand vornahm, „die Webcam zu erfinden“. Das Problem war ganz alltäglich: wegen einer leeren Kanne vergeblich Treppen zu steigen. Aber dieses kleine Ärgernis machte die Idee, einen entfernten Ort live zu beobachten, für alle greifbar.
Wie viele der Technologien, die wir heute nutzen, sind deiner Meinung nach aus solchem gewöhnlichen Ärger entstanden?